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Religöse Radikalisierung von Jugendlichen unter Gender-Aspekten

18.03.2019

Attraktivität strengerer religiöser Ansichten

Wieso strengere religiöse Ansichten für Jugendliche so attraktiv sind, kann anhand folgender Punkte dargestellt werden:

1. Gegenentwurf zum westlichen Lebensstil: für viele Interviewpartner_innen sind ihre religiösen Ansichten, Werte und Normen, ein klarer (für sie positiver) Gegenentwurf zu den (in ihren Augen verrohten) westlichen Lebensstil, welchen sie mit den Aspekten Party, Alkohol und Drogen verbinden.

2. Bewältigungsstrategie / Neuanfang: Vor allem männliche Proband_innen geben an, dass die (Rück-)Besinnung auf religiöse Werte für sie ein Ausweg aus der „Kriminalität" und Neuanfang ist. Sie geben an, durch ihren religiösen Lebenswandel ihr „altes" Leben hinter sich gelassen zu haben und ein frommes und vorbildhaftes Leben führen zu wollen (Religion als Bewältigung).

3. Abgrenzung von der Elterngeneration, Mehrheitsgesellschaft und Personen, die „nicht religiös genug" sind: Neben der Kritik an den Wertestrukturen der Mehrheitsgesellschaft, geben viele Interviewpartner_innen an, dass sowohl die Elterngeneration, als auch die Mehrheit der Musliminnen und Muslime in Deutschland, die Religion nicht mehr richtig ausleben. Sie selber sind indes im Bestreben viel mehr Zeit in die Glaubenspraxis zu investieren, doch auch unzufrieden mit ihrer eigenen Religiosität („Übermuslim").

4. Kollektividentität: die Identifikation mit einem großen Kollektiv an Glaubensgeschwistern (Umma) führt den Aussagen vieler Interviewpartner_innen zur Folge zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls, zu mehr Resilienz in Konflikt- und Problemsituationen und einer Bestätigung ihrer Sichtweisen und ihres Handelns.

5. Klare Vorgaben und Regeln: eine klare Einteilung des Alltags in erlaubte (halal) und nicht erlaubte (haram) Handlungen, bietet fast allen Interviewpartner_innen eine wichtige Orientierung und Struktur, wie aus zahlreichen ihrer Aussagen zu schließen ist.

Attraktivität für Mädchen und junge Frauen

Zur Beantwortung der Frage, weshalb besonders Mädchen und junge Frauen sich einer strengen Geschlechtertrennung zugehörig fühlen, können folgende Punkte herangezogen werden:

1. Wohlempfinden: Der Großteil der Interviewpartnerinnen gibt an, dass sie sich durch ihre religiöse Zugehörigkeit und dem Kollektiv, innerhalb dessen sie sich verorten, rein, sicher und geborgen fühlen.

2. Anerkennung durch die Gemeinschaft: die Rolle der Interviewpartnerinnen in der Szene wird als positiv wahrgenommen. Sie geben an, dass sie sich wertgeschätzt und verstanden fühlen. Als aktive Mitglieder der Gemeinschaft haben sie eine bedeutende Funktion und werden ihrer Ansicht nach gleichwertig anerkannt.

3. Selbstbestimmung / Emanzipation: Das Kopftuch bzw. der Niqab als Symbol, bedeutet für einen Großteil der Interviewpartnerinnen eine Befreiung und Selbstbestimmung, da sie gegen jegliche Widerstände aus Familie, Freundeskreis und Umgebung ihre eigenen Entscheidungen fällen und auf positive Resonanz aus der (Szenen-)Gemeinschaft treffen.

4. Kulturell-religiöse Bestimmtheit: Ein Großteil der Interviewpartnerinnen entscheiden sich für ein strengeres religiöses Leben, weil sie dies als Bestimmung und als Wahrhaftigkeit ansehen. Der Aspekt der Erziehung und Sozialisation und die Vorbildfunktion der Frauen im eigenen Umfeld (Mutter, Tante, große Schwester etc.) spielen dabei für sie eine bedeutende Rolle.

5. Werte und Normen: Die Auslebung der (gemeinschaftlich) vermittelten Werte und Normen wird von den Interviewpartnerinnen als erstrebenswertes Ziel angesehen, das ihren Alltag prägt und strukturiert.

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(Quelle: www.uni-bielefeld.de)